Als Höhepunkt der „Aktion wider den undeutschen Geist“ verbrannten die Nazis am 10. Mai 1933 auf dem damaligen Opernplatz in Berlin tausende von Büchern. Heute werden wieder Namen wie Tucholsky, Brecht, Kästner und Freud fallen, um an die Opfer dieser Kulturauslöschung zu erinnern.
Nur selten wird ein anderer Name fallen: Magnus Hirschfeld. 1919 hatte er in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft als weltweit erste Einrichtung dieser Art gegründet. Das Institut verfügte über Beratungs- und ärztliche Behandlungsräume, Labore, einen Kino- und Hörsaal, Ausstellungsräume, ein Filmatelier und nicht zuletzt die größte sexualwissenschaftliche Bibliothek der Welt. Es diente als Forschungs-, Aufklärungs- und Fortbildungsstätte. In erster Linie fanden Ehe- und Sexualberatungen und öffentliche Aufklärungsvorträge statt.
Das Haus entwickelte sich außerdem zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für nicht-heteronormative Menschen aus aller Welt. Hirschfeld beschäftigte sich als einer von wenigen Wissenschaftler*innen mit Inter- und Transgeschlechtlichkeit und bot auch Beratung und Unterstützung an.
Das 1897 von Hirschfeld mitbegründete Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WHK) war eine der ersten queeren Vereinigungen und setzte sich im Rahmen einer umfassenden Sexualrechts-Reform u.a. für die Legalisierung der Homosexualität ein. Auch das WHK fand seinen Sitz im Institut.
Seit Anfang der zwanziger Jahre begann die konservative Presse, Hirschfeld als „Sittenverderber“ und „Apostel der Unzucht“ zu diffamieren. Die Nazis verstärkten die Dämonisierung des Instituts noch weiter. Am 6. Mai 1933 fuhren faschistische Studierende und SA-Männer mit einem LKW vor dem Institut vor. Sie vandalisierten das Haus und plünderten Bibliothek und Archiv. Am 10. Mai wurden mindestens 10.000 Bücher und Dokumente aus dem Institut auf dem Opernplatz unter Jubel verbrannt. Unter allen dort verbrannten Büchern war das Konvolut des Instituts für Sexualwissenschaft das größte. Eine Büste Hirschfelds stand auf dem Redepult, während Goebbels mit Blick auf Hirschfelds Arbeit über die „Entsittlichung des Volkes“ geiferte. Hirschfeld selbst beobachtete die Zerstörung seines Lebenswerks aus dem Exil.
In der damaligen Berichterstattung wurden Hirschfeld und sein Institut regelmäßig hervorgehoben. Nach dem Krieg jedoch geriet weitestgehend in Vergessenheit, welche besondere Rolle die Unterlagen des Instituts bei den Bücherverbrennungen gespielt hatten. Nicht nur war einer der größten Wissensschätze über queeres Leben größtenteils zerstört, nun war sogar die Erinnerung an die Zerstörung selbst ausgelöscht.
Erst in den 1980er Jahren wurde die Erinnerung an Hirschfeld und das Institut für Sexualwissenschaft langsam wiederbelebt. Hirschfeld ist heute als einer der Vorreiter queerer Bewegungen bekannt. Die Zerstörung queeren Wissens bleibt trotzdem bis heute im Gedenken an die Bücherverbrennungen meistens unerwähnt oder eine Randnotiz.
Dabei wäre die Erinnerung heute so dringend. Die gezielte Zerstörung und Unterdrückung queeren Wissens stehen weltweit wieder ganz oben auf der Tagesordnung. Gesetze gegen „Homo-Propaganda“ unterdrücken in Russland und einigen osteuropäischen Ländern die freie Meinungsäußerung und somit die Wissensweitergabe. Bücher mit noch so harmlosen Erwähnungen queerer Lebenszusammenhänge werden auch in den USA tausendfach aus Bibliotheken verbannt. Kirchen dämonisieren mit „Gender-Ideologie“ jede Wissensentwicklung jenseits der Heteronorm. „Wokeness“, also das Engagement auch gegen Queerfeindlichkeit, wird in deutschen Feuilletons zu einem rechten Kampfbegriff umgeformt, zur gesellschaftlichen Gefahr erklärt und in profitable Lügen umgesetzt. Die Trump-Regierung wütet derzeit mit der Kettensäge durch staatliche Wissensarchive und löscht buchstäblich tausende von Dokumenten, in denen unerwünschte Begriffe wie „trans“, „gender“, „LGBT“, „diversity“ oder auch nur „woman“ vorkommen. Wir erleben dort eine digitale Bücherverbrennung in einem Ausmaß, von dem die historischen Nazis nur träumen konnten. Nicht im Geheimen, sondern unter öffentlichem Jubel.
Wir haben das alles schon einmal erlebt. Wir werden sehen, wie gründlich es diesmal geschieht. Die Zukunft wird zeigen, wieweit es auch diesmal gelingt, sogar die Erinnerung an die Zerstörung selbst auszulöschen – und wie lange es dann dauern wird, bis Erinnerung, Reue und Trauer zurückkehren.
#Bücherverbrennung #Faschismus #MagnusHirschfeld #Queerfeindlichkeit
Aurin Azadî
Als Antwort auf fink • • •stephie
Als Antwort auf fink • • •Wahrscheinlich von denen geschrieben, die selber durch und durch queerfeindlich sind.
Kevin Karhan
Als Antwort auf fink • • •das würde aber den #Faschoschutz zwingen aich #CDU / #CSU, #NPD & #Polizei|en als #verfassungsfeindlich anzuerkennen, weil diese sich nicht bedingungs- und vorbehaltlos zu den rechten queerer Menschen bekennen, sondern #Queerfeindlichkeit fördern, fordern oder aktiv umsetzen.
So oder so gehören alle #OpferlosenDelikte rückwirkend gestrichen und Opfer entschädigt, insbesondere #175StGB!
Phoebe Klein
Als Antwort auf fink • • •Das ist echt übel.
JackPearse
Als Antwort auf fink • • •Das könnte man doch vor Gericht nachreichen.
Das „Gute“ an dem Versäumnis ist, dass man offenbar noch mehr gegen die AfD finden kann.
always tired
Als Antwort auf fink • • •always tired
Unbekannter Ursprungsbeitrag • • •Der böse Hexe Njähähä 🧙♀️🪄⚡️
Als Antwort auf fink • • •Vor allem, da der Queer-Hass ja längst und lange beständig Opfer forderte mit Todesfällen, Bedrohungen, Verletzungen, Grabschändung… All das, was auch für die anderen Opfer dieser solcher Menschenfeindlichkeit gilt, deren Würde systematisch untergraben wird.
(Sorry für die späte Antwort.)
Der böse Hexe Njähähä 🧙♀️🪄⚡️
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