Ich kann den Jubel über das Abservieren von Jens Spahn nicht so recht teilen. Der Anlass dafür war so armselig und die Empörung so scheinheilig, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass er in nicht allzu ferner Zukunft wieder zurück ist und dann nur umso fester wieder im Sattel sitzt. Mit der Aura des zu Unrecht Verfolgten. Denn die Scheinheiligkeit, die ihm (zu Recht) zur Last gelegt wurde, ist die Scheinheiligkeit unsere gesamten Gesellschaft, mindestens aber die der CDU FDP SPD: Reproduktive Technologie wird flächendeckend genutzt, aber niemand gibt es zu. Analog zu: Alle gehen in den Puff aber niemand gibt es zu. Oder: Alle beenden ungewollte Schwangerschaften (oder helfen ihren Frauen/Töchtern/Geliebten dabei), aber niemand gibt es zu. Spahn wurde jetzt stellvertretend dafür vom Hof gejagt, weil er es zu ungeschickt und offensichtlich gemacht hat. Aber das ändert nichts daran, dass er hier nur das Gesicht unserer gesamten Kultur ist. Übrigens #postpatriarchalesChaos in Reinform: Die alte Ordnung (in dem Fall der binär-heterosexuellen Kleinfamilie) existiert nicht mehr, zu einer neue können wir uns aber noch nicht offen durchringen. Stattdessen spielen wir ein Theater.
PS: Die AfD ist genauso scheinheilig, aber ihr schadet es nicht, weil sie sozusagen "Offen" scheinheilig ist, was das Rezept von Trump und Co ist. Während die Linken und Grünen etc. immerhin zaghaft versuchen, an sowas wie einer neuen Ordnung zu arbeiten.
Holger
Als Antwort auf antjeschrupp • • •77z
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Als Antwort auf antjeschrupp • •@antjeschrupp Es wurde ja auch kommentiert, dass es der kleinstmögliche Rücktritt war. Er bleibt MdB, er hat seine Netzwerke und seine Unterstützenden, seine Verbindungen in extrem rechts-libertäre Kreise und zu jenen mit viel Geld, die ihn sich nützlich machen wollen.
Ausserdem hat er Merz mehrfach in Schwierigkeiten gebracht, mglw aus Kalkül zur eigenen Präsentation. Jetzt könnte er den Rücktritt als Option bewusst einkalkuliert haben, um scheinbar nicht mehr mit Merz' abstürzendem Rückhalt von innen und aussen in Verbindung gebracht zu werden. Bei der übernächsten Postenrochade wäre er dann die Alternative aus der Versenkung.
Also: Der kommt wieder.
mögen das
Easydor, antjeschrupp, Lydia Trivia, fink und Robert Sander mögen das.
Robert Sander hat dies geteilt.
depone
Als Antwort auf antjeschrupp • • •vermute auch, dass er es als Macht-Move nutzt. Georg Diez hat dazu auch eine interessante Kolumne geschrieben:
taz.de/!6197830
Er geht da zwar nicht auf das Theater und das Postpatriarchale Chaos ein, eher darauf, dass er den Rücktritt als Stärke nutzen könnte und diesen vielleicht einkalkuliert hatte.
Was, wenn der Rücktritt von Jens Spahn ein Macht-Move war?
Georg Diez (taz.de)fink
Als Antwort auf depone • • •@depone So ähnliche Gedanken hatte ich auch. Spahn hat seinen Abgang jetzt schon ganz bewusst so gerahmt, als wäre er selbst das Opfer. In ein paar Jahren wird man ihn vielleicht nicht mehr als den korrupten Maskendealer erinnern, sondern als den Mann, der rausgeschmissen wurde, weil er doch so sehr eine Familie haben wollte. Gewollt oder ungewollt kann das ein Effekt sein, der ihm - leider - nutzt.
Eine noch offene Frage ist für mich, welche Rolle es jetzt und in der Zukunft spielt, dass Spahns Partei einerseits von Queerfeindlichkeit durchsetzt ist, die gerade ihn andererseits instrumentalisiert, um diese zu verschleiern.
#DePol #Spahn