Die S2k Leitlinie "Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung" ist endlich veröffentlicht.
register.awmf.org/de/leitlinie…
Stand: 30.09.2024
Gültig bis: 30.09.2029
Wenn die finale Fassung dem entspricht, was in der Vorankündigung vom 22. März 2024(!) kam, könnte das ein wesentlicher Fortschritt sein.
Pressemitteilung: sciencemediacenter.de/alle-ang…
Video-PK:
Transskript des Videos: sciencemediacenter.de/fileadmi…
Hat auch nur nen Jahr gedauert seit der Ankündigung.
Das Transskript möchte ich wirklich empfehlen, wenn irgendwer sich eine Meinung zum Thema und zur Leitlinie und deren Entstehungsprozess bilden will. Da stecken eine Menge sehr qualifizierter Aussagen und Erklärungen von den direkt Beteiligten drin, die sich durch alle Studien und existierenden Leitlinien weltweit gearbeitet haben.
Zum Beispiel zur Risikoabwägung, zu Nebenwirkungen, zum Gesamtprozess. Und auch ein Statement bzgl Detransition: "Achim Wüsthof [01:15:55]: Das sind absolute Ausnahmen. Aber es gibt solche Fälle in meinem Kollektiv. Ich habe jetzt ungefähr 800 Jugendliche innerhalb der letzten 15 Jahre mit dieser Fragestellung gesehen. In meinem Kollektiv habe ich das tatsächlich bis jetzt fünf Mal erlebt, dass jemand wieder zurückgeht." - das sind 0,6%, also ziemlich genau die auch aus anderen Quellen berichtete Quote.
Zwei Highlights aus der PK. Erstens die beiden zentralen Probleme:
1. "nichts machen kann durchaus den größeren Schaden verursachen"
2. "Die meisten Fachleute haben zu wenig Ahnung".
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"Claudia Wiesemann [01:16:27] Eine Leitlinie gibt eben nicht nur dem therapeutischen Team wesentlich mehr Sicherheit bei den verschiedenen Schritten in den Prozess, sondern sie gibt auch den betroffenen Jugendlichen und ihren Eltern Orientierung und Sicherheit, was sie in einem medizinischen System erwarten können. Wir dürfen nicht vergessen, dass es im Moment eine teils desaströse Lage für die Betroffenen ist.
"Sie müssen lange suchen, bis sie professionelle Ansprechpartner*innen finden. Sie geraten nicht selten an wenig ausgebildete Personen, die selbst nicht wissen, an wen sie stattdessen weiter verweisen könnten. Diese Art der unprofessionellen Behandlung ist ein großes Ärgernis, ein echtes Defizit in der medizinischen Versorgung, das wir uns in Deutschland nicht mehr leisten sollten.
"Und insofern glaube ich, dass wir mit einer solchen Leitlinie jetzt einen Quantensprung mit einem hochprofessionellen Angebot für die betroffenen Personen machen werden. Ich hoffe sehr, dass das auch gerade für die Gruppe der Betroffenen eine echte Erleichterung darstellt, dass sie nun selbst auch herausfinden können, was sie eigentlich erwarten können. Dass Eltern herausfinden können, was sie Professionalität von einer betreuenden Person erwarten können, und damit ja auch ihre Schutzfunktion gegenüber dem eigenen Kind vernünftig ausüben können.
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Zweitens Statements der Expertys zum Thema Medien und trans Kinder und Jugendliche:
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Moderatorin: Welche Missverständnisse um die medizinischen Aspekte von Geschlechtsdysphorie sollten Journalist*innen in der Berichterstattung vermeiden? Frau Maur, vielleicht mögen sie beginnen.
Sabine Maur [01:18:34]:
Ich würde mich sehr freuen, wenn ankäme, wie sorgfältig wir hier Konsens mit den beteiligten Fachpersonen gesucht haben, die übrigens ja auch in der Praxis diese Kinder und Jugendlichen unterstützen. Das ist keine theoretisch geleitete Leitlinie. Und wenn ich in den Fragen lese, dass das dann ja wohl eine Eminenz-Leitlinie sei, dann kann ich das wirklich nur entschieden zurückweisen.
Diese unsachliche Art der Auseinandersetzung macht uns so viel Kummer. Und deshalb ist es auch so wichtig, dass wir das heute fachlich darstellen konnten, wie sorgfältig wir in dem Bereich arbeiten. Und wir müssen eben auch in Bereichen arbeiten, wo es noch nicht ausreichende Evidenz gibt.
Das haben wir im Kinder-Jugendlichen-Bereich übrigens sehr häufig. Und das feuert einfach zurück, wenn die Art der Berichterstattung schlecht und fehlerhaft ist. Weil wir eine Zunahme an Diskriminierung in der Gesellschaft von Transpersonen sehen. Deshalb sind wir ja alle gemeinsam in der Verantwortung.
Dagmar Pauli [01:19:36]
Meins geht in eine ähnliche Richtung. Also ich sehe in der Berichterstattung schon, ich glaube jetzt nicht bei den Wissenschaftsjournalist*innen, so ein bisschen dieses Muster: Man muss dafür oder
dagegen sein und dann polarisiert berichten, weil dann gibt es vielleicht mehr Aufmerksamkeit.
Und das Wichtigste ist, glaube ich, zu sehen, dass diese Gruppe hier nicht aus Leuten besteht, die dafür und dagegen sind. Sondern wir sind eigentlich Leute, die um die bestmögliche Lösung in einer schwierigen Situation mit sehr belasteten Jugendlichen ringen. Ich persönlich habe mich am häufigsten missverstanden gefühlt, wenn man denkt, wir hätten da irgendwie so ein Eigeninteresse und wollten etwas promoten.
In Wirklichkeit ist es ja so, dass man wirklich beides möchte: die Jugendlichen unterstützen, wenn sie etwas brauchen, aber sie auch bewahren vor Entscheidungen, die ihnen schaden könnten. Und dass das eigentlich in aller Regel so stattfindet und dass man sich darauf fokussieren sollte, auch zu berichten, wie sorgfältig versucht wird, das zu machen. Und [man sollte] sich nicht zu sehr darauf fokussieren – auch wenn es einzelne Fälle gibt, und die gibt es –, wo das vielleicht nicht so gut gelaufen ist. Oder wo es vielleicht gut gelaufen ist, wie der Herr Wüsthof gesagt hat, und es kam aber zu einer Detransition, obwohl alles sorgfältig gemacht wurde.
Wie ja auch bei einer sorgfältigen Herz-OP jemand sterben kann. Also diese Dinge darf man benennen, da bin ich nicht dagegen. Aber das Polarisieren oder die Haltung, dass man die Behandlungen ja nicht machen kann, wenn da mal ein Fall war, wo es schwierig wurde, sowas muss man vermeiden. Man muss das in dieser ganzen Tragweite und Spannbreite darstellen, mit den Vor- und Nachteilen, und der Fachwelt nicht unterstellen, dass sie in Lager aufgespalten ist. Das ist nicht der Fall.
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